Die tödliche Suche nach der Nordwestpassage: Polarforscher Sir John Franklin
Historisches Photo von der HMS Terror

Die Sonne verschwindet im Winter für mehrere Monate, die Temperaturen fallen unter -40 Grad Celsius und Winde türmen ganze Eisschollen zu Barrieren. In dieser menschenfeindlichen und weitgehend unerforschten Welt aus Wasser und Eis gibt es einen Seeweg, welcher den Atlantik mit dem Pazifik verbindet.

So gibt die britische Admiralität im Februar 1945 dem Polarforscher Sir John Franklin den Auftrag, genau diese Seeroute zu finden – einen kürzeren Seeweg von Europa nach Asien – vorbei an Grönland und durch die Baffin Bay. Die Franklin-Expedition hatte die Aufgabe, zur nationalen Ehre der Seemacht Großbritannien nach 300 Jahren vergeblicher Anläufe, endlich die letzten noch unbekannten 500 Kilometer der Nordwestpassage zu durchsegel und diese kartografisch zu erfassen.

Als nun der ursprünglich vorgesehene Expeditionsleiter Sir James Clark Ross, ein bedeutender Antarktisforscher und Neffe des berühmten Entdeckers Sir John Ross, aus perönlichen Gründen diese ehrenvolle Aufgabe nicht antreten konnte, wurde die Aufgabe Sir John Franklin zuteil.
Franklin hatte es geschafft sich einen Namen zu machen, als er in den 1830er Jahren bedeutende Teile der kanadischen Nordküste erforschte und dies teils zu Schiff, teils in langen Fußmärschen kartiert hatte. Jedoch war er die letzten 17 Jahre nicht mehr in der Arktis gewesen und mit seinen bereits 59 Jahren galt er für Viele als zu alt und nicht geeignet genug für ein solch schwieriges Unterfangen. Desweiteren hatte seine Crew – abgesehen von dem erfahrenen Kapitän Francis Crozier – keinerlei Erfahrung und hatten sich noch nie zuvor in der durchsegelten Region aufgehalten. Die Admiralität setzte jedoch volles Vertrauen in die Erfahrung Franklins und seiner Mannschaft.

John Franklin (1786 – 1847) Source: National Archives of Canada

Es sollte seine dritte und letzte große Forschungsreise werden – welche katastrophal scheiterte! In den jahren 1845 und 1848 starben alle Beteiligten in der Kanadischen Arktis und letzte Spuren der Expeditionsteilnehmer wurden erst viele Jahre später nach der King-William-Insel entdeckt. Internationale Forscher suchen immernoch nach den möglichen Todesursachen der 129 Männer und Offiziere. Erst kürzlich haben Wissenschaftler der Universität Glasgow die von Parks Candad gesammelten forensischen Proben erneut untersucht und festgestellt, das Bleivergiftung nicht die Hauptursache war, wie bislag angenommen. Was war dann für diese Katastrophe verantwortlich? Viele Informationen wurden zusammengetragen über das, was sich in den Jahren auf den Schiffen zugetragen haben könnte.

Proviant für 3 Jahre
Im Jahr 1845 segelten Sir John Franklin und seine Mannschaft mit zwei Schiffen (HMS Erebus und HMS Terror) von England aus los, entschlossen die Nordwestpassage zu finden – die sagenumwobene Seeverbindung zwischen Europa und Asien.

Es wurde genug Proviant und Heizungsmittel mitgenommen, damit die Schiffsbesatzung mindestens 3 Jahre überleben konnte. Es wurde ein großer Wert auf die Nahrungsmittelauswahl gelegt und sogar ein gewisser Luxus eingeplant wie Schokolade, Alkoholika (vor allem Rum, Schnaps und Wein) sowie große Mengen an Tabak.

Neu entwickelte Konservendosen mit frischem Fleisch und 4200 Liter Zitronensaft (Skorbut-Vorsorge) wurden außerdem mitgenommen – keine Polarexpedition war so großzügig ausgestattet wie diese.
Die Offiziersschreibtische bestanden aus Mahagoni und für die Unterhaltung wurden auf der Erebus etwa 1700 und auf der Terror 1200 Bücher mitgeführt – darunter gab es eine große Anzahl von Schulbüchern für die Analphabeten unter den Matrosen und um die 200 Bibeln. An eine nennenswerte Jagdausrüstung wurde jedoch nicht gedacht, da der Bestand hauptsächlich aus Schrotflinten für die Vogelkagd bestand – um den Speiseplan zu variieren.

Verlauf der Expedition
Am 19. Mai liefen die Erebus und Terror und das Versorgungsschiff HMS Baretto Junior mit 134 Crew-Mitgliedern aus. Das Versorgungsschiff begleitete die Expedition bis zur Davisstraße an der westlichen Küste Grönlands, wo der letzte Proviant umgelanden wurde. Am 12. Juli kehrte dann das Versorgungsschiff mit Briefen der Mannschaft und fünf Besatzungmitgliedern, welche die Reise nicht mehr fortsetzen wollten, nach Großbritannien zurück. Den Briefen nach zu urteilen war die Besaztung sehr selbstsicher und freute sich bereits auf den zum Greifen nah geglaubten Entdeckerruhm. Die Männer waren also zuversichtlich, die Reise im Sommer erfolgreich beenden zu können.

Die John Franklin-Expedition Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach der Nordwestpassage. Source: Daten der Weltgeschichte, S. 623

Die Schiffe segelten Richtung Westen und kreuzten zwischen Devon- und Cornwallis-Insel nordwärts in den Wellingtonkanal und suchten vermutlich den Durchgang in den Pazifik zunächst im Norden. Gegen Ende des Sommers bewegten sich die Schiffe an der Westküste der Cornwallis-Insel entlang Richting Süden. Hier überwinterte die Mannschaft 1845/46 vor der Beechey-Insel.

Im Sommer 1846 brachen die Schiffe zur Weiterfahrt auf und schafften es nach Südwesten – durch den bis dahin nur als Bucht angesehen Peelsund – bis hin zur King-William-Insel. Im September 1846 jedoch wurden sie von herantreibendem Packeis überrascht und die Schiffe wurden vom Eis eingeschlossen. Hier musste die Mannschaft also notgedrungen wieder überwintern.

Die Erwärmung im Sommer 1847 war jedoch so gering, dass sich das Eis nicht lockerte und die Schiffe im Eis eingefroren blieben.

Am 11. Juni 1847 starb John Franklin aus bis Heute unbekannten Ursachen.

Eine sehr umstrittene Theorie besagt, dass die Ursache eine Bleivergiftung war, welche durch Lötstellen der Konservendosen herbeigeführt wurde.

Der geheimnisvolle Untergang von Franklins Expedition

Kapitän Francis Crozier Source: Francis Rawdon Moira Crozier

Nach dieser 3. Überwinterung im Packeis sahen die bis dahin noch am Leben gebliebenen 105 Expeditionsteilnehmer am 22. April 1848 keine andere Möglichkeit, als ihre Schiffe aufzugeben und den etwa 350km südlich gelegenen Außenposten der Hudson’s Bay Company zu Fuß zu erreichen. Angeführt wurden Sie dabei von dem Kaptiän der Terror, Francis Crozier, und dem 1. Offizier der Erbus, James Fitzjames.
In einem Steinmal am Victory Point im Nordwesten der King-William-Insel deponierten sie ein Papier mit einigen wenigen Angaben – das bis Heute einzige schriftliche Zeugnis aus erster Hand, welches von dem Schicksal der Expedition berichtet.
Andere gefundene Hinterlassenschaften geben Hinweis darauf, dass die Mannschaft versuchen, die schweren Bleiboote als Schlitten über die Tundra zu siehen – vollgepackt mit Proviant. Nach und nach wurden alle Männer von Kälte, Entkräftung, Krankheiten und Hunger jedoch dahingerafft.

Vergebliche Suche nach Überlebenden
Nachdem die Männer bereits drei Jahre unterwegs waren und die Kommunikation zu England abgebrochen war, überzeugte Franklins Frau, Lady Jane Franklin, die Regierung, erste Rettungsmaβnahmen in die Wege zu leiten.

Am Anfang konzentrierte sich die Suche auf die Gebiete Lancaster Sound, Beringstraβe und Land und am Machenzie Fluβ entlang. Diese Suche erwies sich jedoch als erfolgslos, was in den darauf folgenden Jahren so blieb. Lady Franklin gab 1851 eine weitere Rettungsaktion in Auftrag, bei welcher die Suchenden McClure und Collinson und deren Mannschaft selbst verloren gingen. Collinson kehrte später nach England zurück und McClure wurde 1854 gerettet. Im gleichen Jahr meldete der John Rae der Admiralität, dass nach Aussagen der Inuit und gefundenen Artefakten, Franklin und seine Crew gestorben seien.

Forensische Untersuchungen aus dem Jahr 1980 bestätigen sogar, dass an den Knochenfunden ensprechende Schnitte festgestellt wurden, die auf Kannibalismus deuten.

Die drei Gräber auf der Beechey-Insel. Source: photo taken by Ansgar Walk

Erst im Jahr 2014 wurde das Schiff HMS Erebus in der Victoria Strait geortet und die HMS Terror wurde 2016 südlich der King-William-Insel, in der Terror Bay, entdeckt.

Die Berichte der Inuit

Von John Rae bei den Inuit eingetauschte Artefakte der Franklin-Expedition. Source: Photo by user:geni

Der schottische Forscher John Rae entdeckte eher zufällig Artefakte der Franklin-Expedition während er die arktische Küste im Auftrag der Hudson’s Bay Company erkundete. Die Inuit führten einige Gegenstände mit sich, sodass John Rae damit anfang systematisch nach Schiffen und weißen Männern zu fragen und die Artefakte die er fand, aufzukaufen. Dabei wurde ihm glaubhaft von weißen Männern erzählt, die hungernd und verzweifelnd über Land nach Süden wanderten und dabei langsam gestorben waren. Außerdem war den berichten zu entnehmen, dass die letzten Überlebenden Kannibalismus praktiziert hatten. Die Inuit erzählten desweiteren von mehreren Gräbern, deren eines mit etwa 30 Leichen gefüllt sei.
Die Berichte von Jon Rae begegneten jedoch in der englischen Gesellschaft viel Skepsis und Mistrauen. Vor hielt es viele für undenkbar, dass christliche Seeleute unter dem Kommando von Sir John Franklin zu kannibalistischen Verhalten fähig sein könnten.