Xavier Mertz – Das Schicksal des ersten Schweizers in der Antarktis
Mertz auf seiner Antarktis Expedition

Die Geschichtsbücher zur Erforschung der Antarktis sind voller heroischer Berichte über Mut und Ausdauer, aber auch über grosse Errungenschaften und tragische Schicksale.

Eine besondere Faszination besteht für Letztere: Expeditionen, die scheiterten oder eine tragische oder unglaubliche Wendung namen. Zu den Bekanntesten gehört wohl Ernest Shackleton’s Trans-Antarktis Expedition, auf welcher er im Eis stecken blieb, sein Schiff sank und sich das Vorhaben in eine monatelange Oddyssey verwandelte. Oder Scott’s Expedition zum geographischen Südpol, welche mit dem Tod von Scott und seinen Gefährten auf dem Ross-Schelfeis ein unglückliches Ende fand.

In die gleiche Kategorie fällt die Geschichte der Far Eastern Party unter der Leitung des australischen Polarforschers Douglas Mawson. Die Far Eastern Party war eine wissenschaftliche Erkundungsexpedition von drei Mitgliedern der Australasischen Antarktis-Expedition: Douglas Mawson, der Engländer Belgrave Ninnis und der Schweizer Xavier Mertz. Die drei setzten 1912 vom Cape Denison zur Vermessung eines unbekannten Teils der Ost-Antarktis aus. Niemand ahnte dabei, dass ihr Vorhaben eine der verhängnisvollsten Expeditionen und gleichzeitig eine der erstaunlichsten Überlebens-Geschichten der Antarktis werden sollte.

 

Von der Schweiz in die Antarktis

Die Schweiz ist nicht gerade als Entdeckernation bekannt. Nach bekannten Schweizer Seefahrern und Entdeckern sucht man in Geschichtsbüchern über die Polarregionen zwar lange, aber nicht vergeblich. Der Basler Xavier Mertz war 1912 der erste Schweizer, der die Antarktis betrat. Er ist wohl der bekannteste Vertreter der Schweiz im goldenen Zeitalter der Antarktis-Forschung.

Mertz war der Sohn eines Basler Fabrikanten, ein Jurist, erfolgreicher Bergsteiger und Schweizer Meister im Skifahren. Vom Entdeckerfieber gepackt, bewarb er sich beim Geologen Douglas Mawson und schloss sich 1911 im Alter von 29 Jahren der Australasischen Antarktis-Expedition an. Deren Ziel war die Kartierung einer zweitausend Kilometer langen Küstenlinie in der Ost-Antarktis. Mertz war zusammen mit Belgrave Ninnis für das Wohl der 49 grönländischen Huskies zuständig.

Im Dezember 1911 brach die Mannschaft auf dem Schiff Aurora von Hobart in Australien via die Macquarieinsel in Richtung Antarktis auf. Einige Wochen später erreichten sie Cape Denison in der abgelegenen Commonwealth Bay. Hier errichteten Mertz und seine Gefährten ihre Hauptbasis, heute bekannt als die Mawson-Hütten (engl. Mawson’s Huts). Die Hütten stehen noch heute dort – zwei davon intakt – und erinnern an die abenteuerlichen Unterfangen der damaligen Entdecker.

Überreste von Mawson’s Hütten am Cape Denison. Photo credit: n/a

 

Die Far Eastern Party

Anfang November 1912 verliessen Mawson, Ninnis und Mertz zu Dritt die Basis am Cape Denison. Mit 16 Schlittenhunden und 780kg an Essensvorräten, Ausrüstung und Messgeräten im Gepäck, machten sie sich auf den Weg. Das Ziel war es, mehrere Gletscher hunderte Kilometer östlich der Commonwealth Bay zu erforschen. Die drei Gefährten kamen gut voran, überquerten mehrere Gletscher und legten im Laufe eines Monats gut 500km zurück – die Expedition verlief weitgehend nach Plan.

Mertz und Ninnis erreichen Aladdins Cave zum Beginn der Far Eastern Party. Photo: Frank Hurley

Langsam aber sicher gab es erste Anzeichen, dass das Vorhaben unter keinem guten Stern stand. Die ersten körperlichen Beschwerden, Schneeblindheit und Gletscherspalten stellten die drei vor unwillkommene Herausforderungen. Mitte Dezember 1912 dann die verhängnisvolle Wendung: Belgrave Ninnis stürzt mitsamt Schlitten und seinen 6 Huskies in eine verdeckte Gletscherspalte und stirbt. Verzweifelt rufen seine beiden Gefährten stundenlang nach Ninnis, doch aus der Tiefe des Eises kommt ausser einem Echo kein Lebenszeichen zurück.

Noch am Tag zuvor hatten die drei einen der drei Schlitten zurückgelassen und den Grossteil der Vorräte und der Ausrüstung auf jenen von Ninnis umgeladen. Nach dem Unglück finden sich Mawson und Mertz nun in einer gefährlichen Lage – inmitten der gnadenlosen Antarktis, hunderte von Kilometer vom Baislager entfernt. Die wenigen übriggebliebenen Essensvorräte sollten gerade einmal für zehn Tage ausreichen. Die beiden haben keine andere Wahl, als umzukehren und sich auf den beschwerlichen Rückweg zu Mawson’s Hütten zu begeben.

 

Verzweifelter Überlebenskampf

Die beiden Überlebenden kommen vorerst gut voran, werden aber von Woche zu Woche langsamer. Nach einer Weile fangen sie an, in der Not ihre Schlittenhunde zu töten. Deren Fleisch sichert ihnen vorerst das weitere Überleben. Trotzdem verschlechtert sich der Gesundheitszustand der beiden Männer rapide. Mertz klagt über Müdigkeit und schreibt am 1. Januar 1913 in sein Tagebuch: ‘Das Hundefleisch scheint mir nicht ganz zu bekommen. Denn gestern war ich etwas flau.’ Die letzten Worte in seinem Tagebuch. Er leidet unter Bauchschmerzen und Verfrierungen, verliert ganze Hautfetzen. Die beiden schleppen sich weiter, kommen aber zum Jahresbeginn 1913 kaum noch voran. Am 6. Januar bricht der völlig entkräftete Mertz schliesslich zusammen und verfällt in ein Delirium. In der darauffolgenden Nacht verlassen ihn die Kräfte ganz und Mertz stirbt am frühen Morgen des 8. Januar 1913 im Beisein Mawsons, nur knapp 160km vom rettenden Basislager entfernt.

Douglas Mawson nach seiner Rückkehr zum Cape Denison. Photo credit: n/a

Mawson beerdigt seinen verstorbenen Begleiter in einem Grab aus Schneeblöcken und setzt seinen Überlebenskampf über die letzten hundert Meilen alleine fort. Mit vielen Verletzungen und letzten Kräften erreicht er schliesslich am 8. Februar das Basislager: Nur wenige Stunden nachdem sein Schiff die Aurora und der Grossteil seines Expeditionsteams wieder in Richtung Australien aufgebrochen waren. So war Mawson gezwungen, zusammen mit einer Handvoll zurückgebliebener Kameraden nochmals einen weiteren Winter in der Antarktis zu verbringen.

 

Erinnerungen an Xavier Mertz in der Ost-Antarktis

Kurz vor der Abreise aus der Commonwealth Bay errichtete Mawson am Cape Denison ein Gedenkkreuz in Erinnerung an Mertz und Ninnis. Dieses steht dort bis heute. Zudem wurde der See-Graben Merz-Ninnis Valley und der Mertz-Gletscher nach ihm benannt – dies war der erste Gletscher, welchen die drei zu Beginn ihrer schicksalshaften Expedition überquerten.

Der nach dem Schweizer benannte Mertz-Gletscher auf dem Antarktischen Kontinent. Photo credit: Jacques Verron

Die genaue Todesursache von Mertz ist bis heute nicht geklärt. Experten gehen davon aus, dass er vermutlich an einer Hypervitaminose litt – eine Vitamin-A-Vergiftung durch den Verzehr der Leber der grönländischen Huskies.

Im Schatten von Scott und Amundsen’s Wettrennen zum Südpol und dem Ausbruch des ersten Weltkriegs interessierte sich die allgemeine Öffentlichkeit damals wenig für die Ereignisse in der Ost-Antarktis. Douglas Mawson erhielt zwar später zahlreiche Ehrungen, die beiden tragischen Helden Mertz und sein Freund Ninnis hingegen gerieten weitgehend in Vergessenheit. Das Tagebuch von Mertz und seine Schilderungen von damals blieben allerdings erhalten, ebenso wie seine rund hundert Fotografien der Australasischen Antarktis-Expedition.

Xavier Mertz’s Grab in der Antarktis wurde nie gefunden und so wird er – der erste Schweizer in der Antarktis – wohl für immer verschollen bleiben.

 


Begeben Sie sich selber auf die Spuren von Xavier Mertz und Douglas Mawson auf unserer exklusiven Expeditionen in die Ost-Antarktis auf der Akademik Shokalskiy oder der Spirit of Enderby.